Typographie-Photographie. Typo-Photo
Typographische Mitteilungen · S. 202-204
typografie-debatte.de/a/es53bq
These
These: Typographie erscheint hier nicht als bloßes Mittel der Textübertragung, sondern als aktiver Bestandteil einer neuen visuellen und sozialen Ordnung der Moderne. In Verbindung mit Photographie, Film und neuen Reproduktionstechniken wird sie zu einem Medium, das Denken, Wahrnehmung und gesellschaftliche Verständigung neu organisiert. Das Typophoto bezeichnet dabei die präziseste Form dieser Entwicklung: eine visuell-synthetische Mitteilung, in der Schrift und Bild nicht mehr getrennt funktionieren, sondern sich zu einer neuen, dem Tempo der Gegenwart angemessenen Ausdrucksform verbinden.
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Die gestaltende Arbeit des Künstlers, die Versuche des Wissenschaftlers, die Kalkulation des Kaufmanns, des heutigen Politikers, alles was sich bewegt, alles was formt, ist in der Gemeinsamkeit der aufeinander wirkenden Geschehnisse gebunden.
Das im Augenblick aktuelle Tun des einzelnen wirkt stets gleichzeitig auf lange Sicht. Der Techniker hat die Maschine in der Hand: Befriedigung augenblicklicher Bedürfnisse. Aber im
Grunde weit mehr: er ist Begründer der neuen sozialen Schichtung, Vorbereiter der Zukunft. Eine solche Wirkung auf lange Sicht hat die heute noch immer nicht genügend beachtete Arbeit des Druckers (wie eines jeden Gestalters): internationale Verständigung mit ihren Folgerungen. Die Arbeit des Druckers ist ein Teil des Fundamentes, auf dem die neue Welt aufgerichtet wird.
Das strenge, klare Werk der Organisation ist geisterfüllte Konsequenz, die alle Elemente menschlichen Schaffens in eine Synthese (einen sinnvollen Zusammenhang) bringt: Spieltrieb, Anteilnahme, Erfindungen, wirtschaftliche Notwendigkeiten in Wechselbeziehung. Der eine erfindet das Drucken mit beweglichen Lettern, der andre die Photographie, ein dritter das Rasterverfahren des Klischees, ein vierter die Galvanoplastik, den Lichtdruck, das mit Licht gehärtete Zelluloidklischee. Die Menschen schlagen einander noch tot, sie haben noch nicht erfasst, wie sie leben, warum sie leben. Politiker merken nicht, dass die Erde eine Einheit ist - aber man erfindet das Teleohr, den Fernseher; man kann morgen in das Herz des Nächsten schauen, überall sein und doch allein sein. Man druckt illustrierte Bücher, Zeitungen, Magazine in Millionen. Die Eindeutigkeit des Wirklichen in der Alltagsituation ist für alle Schichten da. Langsam sickert die Hygiene des Optischen, das Gesunde des Gesehenen durch.
Was ist Typographie?
Was ist Photographie?
Was ist Typophoto?
Typographie ist in Druck gestaltete Mitteilung, Gedankendarstellung. Photographie ist visuelle Darstellung des optisch Fassbaren.
Das Typophoto ist die visuell exaktest dargestellte Mitteilung.
Jede Zeit hat ihre eigne optische Einstellung. Unsere Zeit die des Films, der Lichtreklame, der Simultanität (Gleichzeitigkeit) sinnlich wahrnehmbarer Ereignisse. Sie hat eine neue, sich ständig weiter entwickelnde Schaffensgrundlage auch für die Typographie hervorgebracht. Die Typographie Gutenbergs, die bis fast in unsre Tage reicht, bewegt sich in ausschließlich linearen Dimensionen. Durch die Einschaltung des photographischen Verfahrens erweitert sie sich zu einer neuen Typographie mit neuer, heute als total bekannter Dimensionalität. Die Anfangsarbeiten dazu wurden von den illustrierten Zeitungen, Plakaten, Akzidenzdrucken schon geleistet.
Bis vor kurzem hielt man krampfhaft fest an einem Setzmaterial und einer Satztechnik, die zwar die Reinheit des Linearen gewährleisteten, das neue Tempo des Lebens aber ausser acht lassen mussten. Erst in der allerletzten Zeit hat eine typographische Arbeit eingesetzt, die durch eine kontrastreiche Verwendung von typographischem Material (Buchstaben, Zeichen) den Zusammenhang mit dem heutigen Leben zu schaffen versuchte.
Die bisherige Starre der typographischen Praxis wurde aber durch diese Bemühungen kaum gelockert. Eine wirksame Lockerung kann nur bei weitestgehender, umfassender Verwendung der photographisch-zinkographisch-galvanoplastischen und ähnlichen Techniken erreicht werden. Die Biegsamkeit, Beweglichkeit dieser Techniken bringt Ökonomie und Schönheit in eine neue Wechselbeziehung. Mit der Entwicklung der Bildtelegraphie, die die Beschaffung von vollendet genauen Illustrationen im Augenblick ermöglicht, wird es wahrscheinlich dazu kommen, dass auch philosophische Werke mit den gleichen Mitteln arbeiten werden – wenn auch auf höherer Ebene – wie jetzt die amerikanischen Magazine. Selbstverständlich werden diese neuen typographischen Werke in ihrer typographisch-optisch-synoptischen Gestalt von den heutigen lineartypographischen durchaus verschieden sein. Die lineare, gedankenmitteilende Typographie ist nur ein vermittelndes (Not-)Glied zwischen dem Inhalt der Mitteilung und dem aufnehmenden Menschen.
Mitteilung <– Typographie –> Mensch
Heute versucht man, die Typographie - statt sie, wie bisher, nur als objekthaftes Mittel zu verwenden – mit den Wirkungsmöglichkeiten ihrer subjekhaften Existenz gestaltend in die Arbeit einzubeziehen.
Die typographischen Materialien selbst enthalten starke optische Fassbarkeiten und vermögen dadurch den Inhalt der Mitteilung auch unmittelbar visuell – nicht nur mittelbar intellektuell – darzustellen. Die Photographie, als typographisches Material verwendet, ist von grösster Wirksamkeit. Sie kann als Illustration neben und zu den Worten erscheinen, oder als »phototext« an Stelle der Worte, als eindeutige Darstellungsform, die in ihrer Sachlichkeit keine persönlich-zufällige Deutung zulässt. Aus den optischen und assoziativen Beziehungen baut sich die Gestaltung, die Darstellung auf: zu einer visuell-assoziativ-begrifflich-synthetischen Einheit: zu dem Typophoto, als der eindeutigen
Darstellung in optisch-gültiger Gestalt. Das Typophoto regelt das neue Tempo der neuen, visuellen Literatur.
In Zukunft wird jede Druckerei eine eigne Klischeeanstalt besitzen, und es kann mit Sicherheit ausgesprochen werden, dass die Zukunft des Druckwesens den photomechanischen Verfahren
gehört. Die Erfindung der photographischen Setzmaschine, der neuen billigen Herstellungsverfahren von Klischees usw. zeigen die Richtung, auf die ein jeder heutige Typograph oder Typophotograph sich baldigst einstellen muss.
Daten & Fakten
- Erschienen
- 1925 Oktober
- Quelle
- Typographische Mitteilungen
- Seiten
- 202-204
- Position
- Pro Neue Typografie
- Public Domain
- ● Gemeinfrei seit 2015
- Volltext
- Sichtbar (PD)
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