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Pro Neue Typografie

Typographische Tatsachen

Gutenberg-Festschrift. Mainz


These: El Lissitzky argumentiert, dass Typographie nicht nur Mittel zur Übertragung von Text ist, sondern eine eigenständige visuelle Gestaltungskraft besitzt. In der modernen, rationalisierten Welt müsse Schrift klar, strukturiert und dynamisch sein. Die neue Typographie basiert auf einfachen geometrischen Elementen, industriellen Druckverfahren und reinen Farben. Sie soll aktiv wirken und die Funktion übernehmen, die früher mündliche Rede oder monumentale Kunst innehatten.

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UmihreGedankenschriftlichmitzuteilen brauchenSienurbestimmteKombinatio- nenausdiesenZeichenzubildenundsie ununterbrochenaneinanderzuketten. aber,– NEIN.

Sie sehen hier, daß das Gedankengebilde durch mechanisches Kombinieren der 26 Buchstaben sich nicht ableiern läßt. Die Sprache ist mehr als nur eine akustische Wellenbewegung und bloß Mittel der Gedankenübergabe. So ist auch die Typographie mehr als nur eine optische Wellenbewegung für denselben Zweck. Von dem passiven, zusammengegossenen, unartikulierten Schriftgebilde geht man zum aktiven, artikulierten über. Die Geste der lebendigen Sprache wird notiert, z.B.: Die Hamurabitafeln und die Drucksachen einer modernen Wahlpropaganda.

Sie haben den Tag in 24 Stunden aufgeteilt. Für überschwengliche Gefühlsergüsse ist keine Stunde mehr. Immer knapper wird das Gesprächsgebilde. Die Geste scharf geprägt. Ebenso die Typographie. z.B.: Prospekte, Werbeschriften und moderne Romane. Sie sind von ihrem ersten Tag an von bedrucktem Papier begleitet und ihr Auge ist prächtig trainiert, sich in diesem spezifischen Gebiet schnell, präzis, ohne zu irren zurecht zufinden.

Sie werfen ihre Blicke mit derselben Sicherheit in diese Wälder, wie der Australier seinen Bumerang. z. B.: Der Druckbogen einer großen Tageszeitung.

Sie verlangen klare Gebilde für Ihre Augen. Die sind nur aus eindeutigen Elementen zusammensetzbar. Die Elemente der Buchstaben sind:

die Waagerechte –
die Senkrechte |
die Schiefe /
der Bogen C

Das sind die Grundrichtungen der Fläche. Die Zusammensetzung erfolgt in waagerechter und senkrechter Richtung. Diese beiden ergeben den geraden (eindeutigen) Winkel. Der kann in der Richtung der Flächengrenzen gestellt werden, dann wirkt er dynamisch (Bewegtheit). Das sind die Axiome der Typographie, z. B.: Diese Seite. sie überwinden schon das Vorurteil, das nur den Hochdruck als reineTypographie betrachtet. Der Hochdruck gehört der Vergangenheit. Die Zukunft: - dem Tiefdruck und allen photomechanischen Verfahren. Auf diesem Wege wird die ehe- malige Freskomalerei von der neuen Typographie abgelöst, z. B.: Litfaßsäulen und Plakatwände.

Sie haben gemerkt, daß in einem organischen Gebilde alle Facetten dieselbe Struktureinheit auf- weisen. Die moderne Typographie ist beim Ausbau ihrer Struktureinheit. z. B.: Das Papier (Kunst- druck), die Type (Schnörkellosigkeit), die Farbe (die neuen spektralklaren Erzeugnisse).

Sie können sehen wie dort wo neue Gebiete den gedanklichen und sprachlichen Gebilden sich erschließen, wie dort organisch neue typographische Gestaltungen entstehen. Das sind: die moderne Reklame und moderne Dichtung. z.B.: Einige Seiten der amerikanischen und europäischen Magazin- und Fachzeitschriften. Die internationalen Publikationen der Dadabewegung.

Sie sollen von dem Schriftsteller fordern, daß er seine Schrift wirklich stellt. Denn seine Gedanken kommen zu ihnen durch das Auge und nicht durch das Ohr. Darum soll die typographische Plastik durch ihre Optik das tun, was die Stimme und die Geste des Redners für seine Gedanken schafft.

El Lissitzky El Lissitzky 1890 — 1941 Architekt, Maler, Typograf, Grafiker, Buchgestalter und Ausstellungsdesigner; Mitbegründer des Konstruktivismus
Erschienen
1925 Oktober
Quelle
Gutenberg-Festschrift. Mainz
Position
Pro Neue Typografie
Public Domain
● Gemeinfrei seit 2011
Volltext
Sichtbar (PD)

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