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Pro Neue Typografie

Thesen über Typographie

Merz. Pelikan-Nummer. Hannover (1924) — 11


These: Schwitters formuliert zehn programmatische Thesen zur Typografie als Kunstform: Gestaltung sei nicht Abbildung des Inhalts, sondern Ausdruck seiner Spannungen (unter Berufung auf Lissitzky). Er fordert Einfachheit, Klarheit und den Verzicht auf Ornament – die unpersönliche Drucktype sei der individuellen Künstlerschrift überlegen, die Fotografie der Zeichnung. Schwitters kritisiert die bisherige Reklamekunst als individualistisch und gestaltungsfremd und sieht in der konsequenten Typografie das überlegene Werbemittel. Der Leser schließe vom Eindruck der Reklame auf die Ware, nicht vom Text.

Über Typographie lassen sich unzählige Gesetze schreiben. Das Wichtigste ist: Mach es nie- mals so, wie es jemand vor Dir gemacht hat. Oder man kann auch sagen: mach es stets anders, als es die anderen machen. Zunächst einige allgemeine Thesen über Typographie:

1. Typographie kann unter Umständen Kunst sein.
2. Ursprünglich besteht keine Parallelität zwischen dem Inhalt des Textes und seiner typographischen Form.
3. Gestaltung ist Wesen aller Kunst, die typographische Gestaltung ist nicht Abmalen des textlichen Inhaltes.
4. Die typographische Gestaltung ist Ausdruck von Druck- und Zugspannungen des textlichen Inhaltes (Lissitzky).
5. Auch die textlich negativen Teile, die nicht-bedruckten Stellen des bedruckten Papiers, sind typographisch positive Werte. Typographischer Wert ist jedes Teilchen des Materials, also: Buchstabe, Wort, Textteil, Zahl, Satzzeichen, Linie, Signet, Abbildung, Zwischenraum, Gesamtraum.
6. Vom Standpunkt der künstlerischen Typographie ist das Verhältnis der typographischen Werte wichtig, hingegen die Qualität der Type selbst, des typographischen Wertes gleichgültig.
7. Vom Standpunkt der Type selbst ist die Qualität der Type Hauptforderung.
8. Qualität der Type bedeutet Einfachheit und Schönheit. Die Einfachheit schließt in sich Klarheit, eindeutige, zweckentsprechende Form, Verzicht auf allen entbehrlichen Ballast, wie Schnörkel und alle für den notwendigen Kern der Type entbehrlichen Formen. Schönheit bedeutet gutes Ausbalancieren der Verhältnisse. Die photographische Abbildung ist klarer und deshalb besser als die gezeichnete.
9. Anzeige oder Plakat aus vorhandenen Buchstaben konstruiert ist prinzipiell einfacher und deshalb besser als ein gezeichnetes Schriftplakat. Auch die unpersönliche Drucktype ist besser als die individuelle Schrift eines Künstlers.
10. Die Forderung des Inhaltes an die Typographie ist, daß der Zweck betont wird, zu dem der Inhalt gedruckt werden soll.

Das typographische Plakat ist also das Resultat aus den Forderungen der Typographie und den Forderungen des textlichen Inhaltes. Es ist unbegreiflich, daß man bislang die Forderungen der Typographie so vernachlässigt hat, indem man allein die Forderungen des textlichen Inhalts berücksichtigte. So wird heute noch die qualitäts- volle Ware durch barbarische Anzeigen angekündigt. Und noch unglaublicher ist es, daß fast alle älteren Kunstzeitschriften von Typographie ebenso wenig verstehen wie von Kunst. Umgekehrt be- dienen sich die führenden neuzeitlichen Kunstzeitschriften der Typographie als eines ihrer Hauptwerbemittel. Ich erwähne hier besonders die Zeitschrift »G«, Redakteur Hans Richter, Berlin-Friedenau, Eschenstraße 7, »Gestaltung der Reklame«, Herausgeber Max Burchartz, Bochum, die Zeitschrift »ABC«, Zürich, und ich könnte noch einige wenige andere nennen.

Die Reklame hat schon längst die Wichtigkeit der Gestaltung von Anzeige und Plakat für den Eindruck der angepriesenen Ware erkannt und hat schon längst Reklamekünstler beschäftigt. Aber leider waren diese Reklamekünstler der kurz vergangenen Zeit Individualisten und hatten keine Ahnung von konsequenter Gestaltung der Gesamtanzeige und von Typographie. Sie gestalteten mit mehr oder weniger Geschick Einzelheiten, strebten nach extravagantem Aufbau, zeichneten verschnörkelte oder sonst unlesbare Buchstaben, malten auffällige und verbogene Abbildungen, indem sie dadurch die angepriesene Ware vor sachlich denkenden Menschen kompromittierten. Es ist hier gleichgültig, daß von ihrem Standpunkt aus be- trachtet gute Leistungen entstanden, wenn der Standpunkt falsch war. Heute beginnt die Reklame ihren Irrtum derWahl von Individualisten einzusehen und bedient sich statt der Künstler für ihre Reklamezwecke der Kunst, oder deutlicher gesagt: der Typographie. Besser‚ keine Reklame, als minderwertige; denn der Leserschließt aus dem Eindruck der Reklame und nicht aus dem textlichen Inhalt auf die Ware.


El Lissitzky El Lissitzky 1890 — 1941 Architekt, Maler, Typograf, Grafiker, Buchgestalter und Ausstellungsdesigner; Mitbegründer des Konstruktivismus Kurt Schwitters Kurt Schwitters 1887 — 1948 Künstler, Maler, Dichter, Raumkünstler, Werbegrafiker und Typograph
Erschienen
1924 November
Quelle
Merz. Pelikan-Nummer. Hannover (1924) — 11
Position
Pro Neue Typografie
Public Domain
● Gemeinfrei seit 2018
Volltext
Sichtbar (PD)

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