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Pro Neue Typografie

K.I. Konstruktivistische Internationale schöpferische Arbeitsgemeinschaft

De Stijl. Sgravenhage 5 (August 1922) · S. 113–115


These: Die Konstruktivistische Internationale (1922) fordert eine kollektiv organisierte, international vernetzte Gestaltungspraxis, die sich nicht an subjektivem Ausdruck, sondern an den realen Anforderungen des modernen Lebens orientiert.

Gestaltung soll praktisch, logisch, materialbewusst und gesellschaftlich wirksam sein.
Individuelle, gefühlsgetriebene Kunstproduktion gilt als überholt.

Nur durch organisierte Zusammenarbeit kann eine neue, lebensverändernde Gestaltung entstehen.

Konstruktivistisch: Neue Gestaltung des Lebens unserem Zeitbewußtsein gemäß mit universalen Ausdrucksmitteln. Logisch erklärbare Anwendung dieser Ausdrucksmittel. Im Gegensatz zu aller subjektiven überwiegend gefühlsmäßig orientierten Kunstproduktion.

Konstruktiv: Verwirklichung praktischer Aufgaben (einschließlich aller Problemstellung der Gestaltung). Im Geiste der modernen Arbeitsmethode. Im Gegensatz zur schöpferischen sich subjektiv begrenzenden Improvisation. International: Gleiche Gesinnung unter den verschiedenen Bedingungen in den verschiedenen Ländern.

Schöpferisch: Gestaltung – grundsätzlich nur in Beziehung zum Leben als einer Gesamtheit. Schöpferisch: was in seinen Konsequenzen das reale Leben wesentlich umbildet (einschließlich der Erfindung und Entdeckung neuer Materialien). Jeder Gegenstand eine Forderung. Im Gegensatz zu einer Verwendung schon gegebener Resultate, ohne neue Möglichkeiten zu schaffen.

Arbeitsgemeinschaft: Ökonomie unserer Arbeitskraft. Zur Durchführung der Aufgaben des heutigen Lebens reicht die Initiative des Einzelnen nicht mehr aus. Kollektive Zusammenarbeit ist praktisch notwendig. (Moderne Organisationsmethoden). Durch Organisierung der schöpferischen Tätigkeit werden reale Aufgaben für alle ermöglicht (Erweiterung des schöpferischen Arbeitsfeldes) und die Arbeitskraft des Einzelnen gesteigert.

Nur auf dieser Basis ist es möglich, eine schöpferische Internationale zu bilden. Neben der Forderung, schon heute praktische Aufgaben zu lösen, wird es die Aufgabe dieser Internationale sein, die kommende Generation hinzuweisen auf die Brauchbarkeit unserer realen Leistungen für ihr Leben, und sie aufzuklären über die Unbrauchbarkeit individualistisch Einzelproduktion der vergangenen Epoche. (Einzelprodukte kommen für uns nur in Betracht, inso- weit sie Forderungen enthalten, die im realen Leben noch nicht ihre Verwirklichung gefunden haben.) Diese Internationale entspringt also nicht irgendwelchen Gefühlsgründen (humanistischer oder sonstiger Natur, »allgemeiner Menschenliebe« usw., usw.), sondern beruht auf denselben elementaren amoralistischen Voraussetzungen wie Wissenschaft und Technik, beruht auf der Notwendigkeit kollektivschöpferisch, statt einzeln intuitiv zu reagieren.

Zur Entfaltung und vollkommenen Entwickelung unserer Individualität sind wir (und alle) gezwungen, die schöpferische Arbeit zu organisieren. Zur Realisierung dieser Internationale als Organisation ist sofortiger Zusammenschluß aller Gleichgesinnten aller Länder notwendig. Zustimmungen und Vorschläge zur Mitarbeit werden gebeten, an die Zentralstelle einzusenden.

Weimar, Sept. 1922

Der provisorische Verwaltungsausschuß:
Theo van Doesburg (Holland)
El Lissitsky (Rußland)
Hans Richter (Deutschland)
Karel Maes (Belgien)
Max Burchartz (Deutschland)

El Lissitzky El Lissitzky 1890 — 1941 Architekt, Maler, Typograf, Grafiker, Buchgestalter und Ausstellungsdesigner; Mitbegründer des Konstruktivismus Theo van Doesburg Theo van Doesburg 1883 — 1931 Maler, Architekt, Kunsttheoretiker, Herausgeber und Mitbegründer der De Stijl-Bewegung Kurt Schwitters Kurt Schwitters 1887 — 1948 Künstler, Maler, Dichter, Raumkünstler, Werbegrafiker und Typograph
Erschienen
1922 August
Quelle
De Stijl. Sgravenhage 5 (August 1922)
Seiten
113–115
Position
Pro Neue Typografie
Public Domain
● Gemeinfrei seit 2011
Volltext
Sichtbar (PD)